28.11.11: "Scham ist eine tabuisierte Emotion!"
Dr. Stephan Marks hält ein Wasserglas in der Hand, gießt Wasser ein. Das Glas wird voller, die Flüssigkeit steht bis zum Rand und dann kann das Glas sie nicht mehr fassen – das Wasser läuft über. Das Wasser steht für Scham. Ein bisschen ist sogar positiv, der Optimist hat schließlich auch ein halb volles Glas Wasser. Doch zu viel kann gefährlich werden und zu Minderwertigkeitskomplexen und Depressionen führen. Das Bild des Wasserglases begleitete Marks’ Vortrag über Scham und Menschenwürde, den er am Mittwochabend am Arnold-Janssen-Gymnasium hielt. Die Lehrerin und Beauftragte für Elternarbeit am AJG, Elisabeth Rott, hatte den Elternabend organisiert und den Referenten aus Freiburg eingeladen.
Dr. Stephan Marks wischt die Pfütze mit einem Tuch auf. „Das steht für die Teilgruppe der Bevölkerung, die die Scham der Gesellschaft, für die sich keiner bekennt, aufsaugt“, erklärt er. Das könne eine ausgegrenzte Familie im Dorf sein oder auch ein Mobbingopfer in der Klassengemeinschaft. Denn die Scham sei eine tabuisierte Emotion, die niemand empfinden wolle. „Wir müssen das Thema Scham aber aus der Schmuddelecke herausholen“, forderte er und zitierte Leon Wurmser, um die positive Seite der Scham zu zeigen: „Die Scham ist Hüterin der menschlichen Würde“. Das halb volle Glas ist also gut. Doch ein Zuviel an Scham könne zu Entwicklungsstörungen führen. Man müsse jedoch zwischen Scham und Beschämung unterscheiden. Wenn ein Kind beispielsweise aufgrund eines falschen Verhaltens Scham empfinde, führe dies zu Reue und moralischem Wachstum. Das sei „die eigene Leistung des Kindes“ und positiv.
Gesunde Scham ist also Antrieb für moralische Entwicklung und Ehrgeiz. Erwachsene seien jedoch geneigt, das Kind dann zu beschämen und auf dem Fehler herumzureiten, bildlich gesprochen: noch mehr Wasser ins Glas zu kippen und es zum Überlaufen zu bringen. Dies könne zu pathologischer, giftiger Scham führen, die Menschen an den Abgrund von Panik bringen und in existentielle Ängste versetzen könne. „Im Zustand von akuter Scham werden dieselben Gehirnregionen aktiviert wie bei akuter Lebensbedrohung“, so Marks. Weil Scham „unerträglich und schmerzhaft“ sei, reagiere der Mensch mit Scham-Abwehr und wandle die Scham in eine andere Verhaltensweise wie Gewalt um. „Das wird ein Teil unserer Persönlichkeit“, erklärte Marks. Einige Beispiele: Um die eigene Scham nicht zu spüren, projiziert der Mensch sie oft auf andere. Auch Arroganz sei Scham-Abwehr. Auch das „sich hinter Fremdworten verstecken“ kann aus denselben Gründen passieren. Wut und Gewalt, aber auch Gehorsam, Disziplin und Unterwerfung seinen genauso Reaktionen wie Sucht oder emotionale Erstarrung.
Um zu erkennen, wie man Scham minimieren kann, müssen erst die vier Grundbedürfnisse des Menschen erkannt werden. „Denn die Scham ist wie ein Seismograph: wenn eines dieser Grundbedürfnisse verletzt wird, schämt der Mensch sich“, erklärte Marks.
► Wir brauchen Anerkennung, um nicht zugrunde zu gehen. Wenn wir jemanden als Menschen wertschätzen, vermeiden wir also unnötige Schamgefühle.
► Außerdem habe der Mensch ein Bedürfnis nach körperlichem und seelischem Schutz und Intimsphäre. Statt öffentlicher Bloßstellung solle man jedem Menschen einen geschützten Raum zur Verfügung stellen.
► Der Mensch bedürfe ebenfalls der Zugehörigkeit. Daher schäme er sich, wenn er den Erwartungen der anderen und der Gesellschaft scheinbar nicht entspreche. So seien z.B. Krankheit, Armut und der eigene Körper in der Pubertät Dinge, für die man sich schäme. Vermittelt man einem Menschen trotzdem Zugehörigkeit, werden die Schamgefühle verringert.
► Der Punkt der Integrität stehe oft in Konflikt mit der Zugehörigkeit. Hierbei gehe es nämlich um das eigene Gewissen und die eigenen Werte sowie die Erwartungen an sich selbst. Wenn man Unrecht tue und schuldig werde, schäme man sich daher.
„Diese Grundbedürfnisse sind wie ein Mobilé, das wir ausbalancieren müssen“, erläuterte Marks. Man muss eben die Waage halten, damit das Wasser nicht überschwappt.
Zur Person
Dr. Stephan Marks ist Sozialwissenschaftler, Supervisor und Fortbildender vom Freiburger Institut für Menschenrechtspädagogik. Der 60-jährige, der fünf Jahre in Nordamerika gelebt hat, ist seit etwa einem Dutzend Jahren in Deutschland, der Schweiz und Lateinamerika unterwegs, um Fortbildungen für Menschen, die mit Menschen arbeiten, zum Thema Scham zu halten. Er hat bereits drei Bücher zum Thema Scham geschrieben. Sein erster Berührungspunkt mit dem Thema war ein Interview mit Zeitzeugen über den Nationalsozialismus.
(Eva Leuer, Q1)


