Arnold Janssen "Wir leben in einer Zeit, wo alles Neue wankt und unterzugehen scheint, und da kommen Sie und wollen noch etwas Neues anfangen?" entgegnete der Kölner Erzbischof Melcher, als ihm Arnold Janssen 1874 von seiner Absicht erzählte, ein deutsches Missionshaus gründen zu wollen. Jene Zeit war tatsächlich alles andere als ruhig. Revolutionäre Erfindungen, Entdeckungen und Neuerungen in den Bereichen Technik, Produktion, Medizin, Agrarwirtschaft, Transport- und Nachrichtenwesen führten zur industriellen Revolution und damit zur grundlegenden Wandlung der Gesellschaftsstruktur und Lebensweise. Als sichtbarste Folgen sind die Entstehung der weithin von Massenarmut bedrohten Arbeiterschaft und eine Bevölkerungsexplosion in Europa zu nennen. 1800 hatte Europa 187 Millionen Einwohner, 1900 waren es bereits 401 Millionen. Infolge des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 kam die nationale Einigung Deutschlands und Italiens zum Abschluß. Unmittelbare Folgen dieses Krieges waren das Ende des Kirchenstaates und auch des Ersten Vatikanischen Konzils. Die Kirche war damals innerlich höchst uneins, wie sie sich auf die "neue Zeit" mit ihren Errungenschaften einstellen sollte. Nicht zuletzt wegen des (oft auch falsch verstandenen) Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes brach besonders in Preußen der Kulturkampf aus (preußischer Staat gegen die katholische Kirche). Insgesamt hatte die Kirche vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Schwierigkeiten, sich überzeugend und gewinnend darzustellen (Arbeiterfrage). Gleichzeitig war dies die Ära des Imperialismus und Kolonialismus. Die europäischen Mächte waren dabei, sich beinahe die ganze Welt unter sich aufzuteilen. Es ist die Zeit, in der Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Charles Darwin (Evolutionismus) lebten. Ebenso war das 19. Jahrhundert "das große Jahrhundert der Mission". In dieser Zeit wurde die Mission in vollem Umfang zur Weltmission, wenn sie auch weithin Hand in Hand mit dem Kolonialismus ging. Nicht wenige waren damals überzeugt, Gott habe den europäischen Mächten die Welt gegeben, damit diese ihre christliche Religion und ihre Zivilisation den unterworfenen Völkern bringen. "Gott gibt der Rasse den Erfolg, die sich vorgenommen hat, den Heiden die Wohltaten des Christentums mitzuteilen", sagte ein Redner auf der Missionskonferenz von London 1888. In keinem anderen Jahrhundert wurden so viele Missionsorden, Kongregationen und Vereine zur Förderung der Mission gegründet. Besonders gegen Ende des Jahrhunderts breitete sich eine wahre Missionsbegeisterung aus. Arnold Janssen kann mit Recht als Bahnbrecher der neueren deutschen Missionsbewegung angesehen werden.
Das Elternhaus Arnold Janssen erblickte am 5. November 1837 als zweites von elf Kindern in Goch am Niederrhein das Licht der Welt. Sein Vater Gerhard betrieb ein kleines Fuhrwerksunternehmen. Der kleine Arnold erhielt im Elternhaus eine strenge und ebenso tief religiöse Erziehung. Sein Bruder Wilhelm, der spätere Kapuzinerbruder Juniperus, der Arnold viel beim Aufbau des Missionshauses geholfen hat, erinnert sich: "Unser Vater war fromm, aber ein strammer Erzieher. Sobald wir Kinder Gutes und Böses unterscheiden konnten, mußten wir pünktlich gehorchen; sonst erwartete uns die Strafe des Vaters.. Er ermahnte uns, in der Kirche nicht zu schwätzen, nicht umher zu gaffen oder sogar zu lachen, sondern: andächtig zu beten... Auch beim Mittagessen wurde sonntags und feiertags von der Predigt gesprochen. Der Vater fragte uns und wir mußten berichten. Nach dem Mittagessen mußten alle still sitzen bleiben, und der Vater las dann das Evangelium mit Erklärung vor. Dann mußten wir Kinder dem Alter nach zum Vater kommen und ihm unseren Katechismus aufgeschlagen geben und die ein oder zwei Seiten mit Fragen und Antworten aufsagen, die er uns am letzten Sonntag auf gegeben hatte. Dann saß der Vater da wie ein Patriarch und examinierte. Wir durften nicht stottern..." Nach jedem Abendessen wurden in der Familie Janssen der Rosenkranz, die Muttergotteslitanei und der Anfang des Johannesevangeliums gebetet. Über den Anfang des Johannesevangeliums konnte der Vater mit großer Beredsamkeit sprechen; es sei das kräftigste aller Gebete und habe große Macht beim lieben. Gott. Wenn ein schweres Gewitter war ... betete Vater kniend laut den Anfang des Johannesevangeliums. Auch wenn ein Stück Vieh krank war, beteten Vater Mutter es." Diese Liebe zum Johannesesprolog und die besondere Verehrung des Heiligen Geistes, die in der Familie gepflegt wurde, sollten kennzeichnend werden für die Frömmigkeit von Arnold Janssen. Über die Mutter, Katharina, sagt Juniperus: "Wenn ich das Wirken der Mutter in einem Satz zusammenfassen will, so möchte ich sagen: Sie war eine betende Mutter, unermüdlich."
Auf dem Weg zum Priestertum Der Kaplan brachte schließlich den Vater dazu, den schwächlichen Arnold studieren zu lassen. Vater Janssen war anfänglich gar nicht begeistert davon. Studieren kostet eben Geld. Schon früh entdeckte Arnold seine Liebe zur Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern. Sprachen mochte er weniger. So studierte er nach der Matura in Münster auch Mathematik. Er wollte geistlicher Gymnasiallehrer werden. Im Sommer 1861 schließt er das Theologiestudium ab und wird am 15. August zum Priester geweiht. In den nächsten zwölf Jahren unterrichtet er dann an der Höheren Bürgerschule in Bocholt Mathematik, Chemie, Physik, Latein und Deutsch. Den Berichten und Aufzeichnungen nach war er ein sehr gewissenhafter Lehrer, der die Schüler zu großem Fleiß anspornte. Doch sind wohl seine Genauigkeit und seine Art zu strafen manchem Schüler auf die Nerven gegangen. Es fällt auch auf, daß er in den obersten Klassen nie Klassenlehrer wurde oder einen Ruf an eine angesehenere Schule erhielt. Wahrscheinlich erkannte er es mit der Zeit selbst, daß er wohl ein Lehrer, "aber kein geborener und gottbegnadeter Erzieher der Schuljugend war". Er war ‚der kleine Herr", so wurde er genannt, kaum 1,65 Meter groß, schlank und schwach gebaut. Bei der Musterung zum Militär wurde er ‚wegen allgemeiner Körper- und Brustschwäche als für jetzt unbrauchbar erachtet". Doch er war zäh und das erste Mal bettlägerig krank, als er schon in den Vierzigern stand.
Das Gebetsapostolat In den Ferien widmete er sich unermüdlich der Förderung des Gebetsapostolates. Sein Grundsatz war, durch viel und gemeinschaftliches Gebet würden die Sitten gebessert und auch die Rückkehr der Protestanten Deutschlands zum Katholizismus erreicht. So verfaßte |
er zu diesen Anliegen auch eine Reihe von religiösen Kleinschriften. In seiner persönlichen Frömmigkeit wurde er in seinen Lehrerjahren tief vom Geheimnis der Dreifaltigkeit erfaßt. Er erkannte, daß zum Beten Opfer gehört, was sich bei ihm in spürbaren Geldopfern und persönlicher Askese ausdrückte. Der unscheinbare Lehrer Arnold Janssen war durch seine Werbereisen für das Gebetsapostolat, die Beschäftigung mit theologischen Fragen und sein unermüdliches Beten für die großen Anliegen der Kirche "weltweit" geworden. Im Sommer 1873 verließ er die Bürgerschule.
Von der Missionszeitschrift zum Missionshaus Seine nächste Station war Kempen. Er nahm dort die Stelle eines Kaplans bei den Ursulinen an und wandte sich nun immer mehr der Mission zu. Er gründete den ‚Kleinen Herz-Jesu-Boten", eine Monatszeitschrift, mit der er "hauptsächlich das Interesse für die äußere Mission der katholischen Kirche unter den Heiden" wecken wollte. Schließlich hatte Arnold Janssen ein konkretes Ziel vor Augen: Deutsche Männer und Frauen sollten in größerer Zahl in die Mission gehen. Wichtig für ihn wurde dann eine Begegnung mit Msgr. Raimondi, Apostolischer Präfekt von Hongkong. Und nach einigem Ringen - er zweifelte, ob er dazu berufen sei - faßte er den Entschluß, ein deutsches Missionshaus zu gründen. Von großer Hilfe war ihm dabei seine "Werbetrommel", der "Kleine Herz-Jesu-Bote". Auf Grund des Kulturkampfes, der sich in Deutschland gerade seinem Höhepunkt näherte, konnte die Gründung nicht auf deutschem Boden erfolgen. Er wich nach Holland aus. Am 3. Dezember 1874 erhält er die Erlaubnis zur Gründung eines Missionshauses in der Diözese Roermond. Bischof Paredis sagte damals zum Dechanten von Roermond: "Da ist Herr Janssen, der Rektor der Ursulinen in Kempen, bei mir gewesen. Er will ein Missionshaus gründen. Denken Sie sich - und er hat nichts. Entweder ist er ein Heiliger oder ein Narr." Danach ging es schnell. Wohltäter brachten ihm Geld, und nach fieberhafter Reisetätigkeit hatte er die Empfehlungen von 32 holländischen, deutschen und österreichischen Bischöfen für "sein" Missionshaus. Am 30. Juni 1875 kaufte Janssen ein altes Wirtshaus in Steyl an der Maas unweit der deutschen Grenze. Eine alte Schifferkneipe sollte zum Ausgangspunkt für das Missionswerk werden. Der Ort Steyl gab der Missionsgesellschaft auch seinen landläufigen Namen "Steyler Missionare". Das alte Wirtshaus in Steyl, in dem 1875 alles begann Der Anfang war äußerst bescheiden, geradezu ärmlich. Für so manchen Bewohner von Steyl stand fest: "Das wird bald ein echt preußischer Bankrott werden." Er wurde es nicht. Am 8. September 1875 wurde das "Missionshaus zum heiligen Erzengel Michael" eröffnet. In seiner Ansprache sagte Arnold Janssen: "Wird aus diesem Haus etwas, so wollen wir der Gnade Gottes danken; wird nichts daraus, so wollen wir demütig an die Brust schlagen und bekennen: Wir waren der Gnade nicht wert." Entgegen allen Befürchtungen entwickelte sich das Missionshaus mit Lateinschule und Priesterseminar überaus positiv. Als finanzielle Basis diente die eigene Druckerei, die 1876 eingerichtet wurde. Am 6. Jänner 1878 erscheint die erste Nummer der " Heiligen Stadt Gottes", die bekanntlich als ein "unterhaltendes, belehrendes und auch religiöses Blatt" von Arnold Janssen konzipiert wurde. 1879 sendet Arnold Janssen bereits die ersten Missionare nach China aus: Josef Freinademetz und Johann Baptist Anzer, der 1886 zum Bischof geweiht wurde. 1880 veröffentlicht Janssen den ersten Jahrgang des Michaelskalenders. 1884 bis 1886 tagt das erste Generalkapitel der neuen Missionsgesellschaft unter dem Vorsitz von Arnold Janssen. Die Gesellschaft wird ‚Societas Verbi Divini" (Gesellschaft des Göttlichen Wortes) genannt, kurz SVD. Pater Arnold Janssen, der Stifter, wird zum ersten Generalsuperior gewählt.Nach langwierigen Verhandlungen und Audienzen bei Kaiser Franz Josef konnte Arnold Janssen darangehen, auch in Österreich ein Missionshaus zu gründen. Um hier aber eine Schule einrichten zu können, mußte er die österreichische Staatsbürgerschaft annehmen. Die Gemeinde Goggendorf in Niederösterreich nimmt ihn auf. Im Herbst 1889 wird in Mödling das Missionshaus St. Gabriel gegründet, das in der folgenden Zeit zum zentralen Missionspriesterseminar ausgebaut wird. Arnold Janssen verließ sich nicht allein auf die Männer. Im selben Jahr wie St. Gabriel gründet er die Gemeinschaft der Missionsschwestern "Dienerinnen des Heiligen Geistes" und 1896 die Anbetungsschwestern. Als Arnold Janssen am 15. Jänner 1909 in Steyl stirbt, zählt das Steyler Missionswerk über 2000 Mitglieder, die unter anderem in folgenden Ländern arbeiten: China, Argentinien, Togo, Ecuador, Brasilien, Neuguinea, Chile, USA, Japan. Heute zählt die "Familie der Steyler' ungefähr 10.000 Schwestern, Brüder, Patres und Studenten aus über 60 Ländern.
Er tat Gewöhnliches - aber auf ungewöhnliche Weise Was war es nun, das diesen unscheinbaren Mann Arnold Janssen so auszeichnete? Kardinal Rossi, der amtliche Antragsteller für die Seligsprechung Arnold Janssens, gibt eine kurze Antwort: "Er tat Gewöhnliches - aber auf außergewöhnliche Weise." Heute kann man vor allem zwei Züge am Seligen herausstreichen, die ihn auszeichneten. Erstens, er war ein unermüdlicher Beter. Es gelang ihm, äußerste Aktivität mit stetem Beten zu verbinden. Das zweite, seine Zeitgenossen haben es oft mit Dickköpfigkeit und Eigensinn verwechselt, war sein Hinhören auf Gott. Er hat oft noch gezögert, wo anderen schon alles klar schien und andererseits Dinge begonnen, wo andere nur den Kopf schüttelten. Sein außergewöhnliches Tun des Gewöhnlichen bestand vor allem auch darin, daß er die Zeichen der Welt erkannte. So setzte er auf die Macht der Presse und stellte sie in seinen Dienst. Er führte die Wissenschaft vom Menschen (Völkerkunde, Sprachwissenschaft) in der Berufsausbildung der angehenden Missionare ein. Als unermüdlicher Förderer des Laienapostolates sorgte er für Exerzitienmöglichkeiten. Viele große Häuser der Missionsgesellschaft vereinigen diese grundlegenden Anliegen des Stifters, wie am Beispiel von St. Gabriel zu sehen ist, bis heute: Druckerei, Hochschule, Exerzitienhaus haben hier ihren festen Platz. "Damit Gott in allem verherrlicht werde", war einer seiner Grundsätze. Nie schrieb er einen Erfolg seinen persönlichen Leistungen zu. Immer verstand er sich bloß als Werkzeug, Werkzeug für das Reich Gottes. An ihm ist deutlich abzulesen, daß Gott sehr oft das Kleine, Unscheinbare wählt und dadurch Großes vollbringt. Am 19. Oktober 1975 wurde Arnold Janssen zusammen mit Josef Freinademetz von Papst Paul VI. seliggesprochen und als einer der größten Förderer der neuzeitlichen Mission gewürdigt. Stefan Üblackner SVD STADT GOTTES November 1987, 6-9
Seite drucken
|